Juristerei und Web 2.0 – Gerichtssaal im Netz






TechCrunch hat vor einiger Zeit über ein neues Startup berichtet, dass den Gerichtssaal ins Netz bringen will. Bei AllRise kann man sozusagen Klagen einreichen und die Community entscheidet mittels Voting wer Recht bekommen soll. Der Hauptgedanke dabei ist wohl eher humoristischer Natur, doch was wäre wenn man tatsächlich eine ernsthafte Platform dieser Art aufbauen würde?

Wie solls ablaufen? Man registriert sich und füllt eine Klage aus. Bei der Registrierung akzeptiert man den Ausgang des Verfahrens, egal wie entschieden wird. Die Klage wird dem Beklagten dann per Mail zugestellt, wiederrum auch mit Hinweisen zur Registrierung und Anerkennung des Richterspruchs. Ein Zwang zur Registrierung bzw. Teilnahme an dem ganzen besteht natürlich nicht, es basiert auf Freiwilligkeit. Alles rechtlich unverbindlich, aber eine feine Art jemandem zu sagen, dass er etwas falsch gemacht hat. Wie der Beklagte darauf reagiert bleibt natürlich ihm überlassen.

Größtes Problem: Wer entscheidet und wie wird entschieden? Zum einen gäbe es da die Communitylösung, eine Art große Versammlung von Geschworenen. Jeder darf abstimmen, abhängig vom Fall mit Ja/Nein bzw. anderen Auswahlmöglichkeiten. Problem: Großer Freundeskreis und schon gewinnt man den Fall. Andererseits könnte man auch einen oder mehrere Richter bennen. Diese könnten auch von der Community gewählt werden und sich ein Reputationssystem a la ebay aufbauen. Gute, objektive und nachvollziehbare Entscheidungen werden belohnt, subjektive und unlogische Entscheidungen werden bestraft (Minuspunkte bzw. neg. Bewertungen). Ganz nach dem Motto “das Volk regiert”. Somit könnte man in der Community für diese Richter einen Wert schaffen, den sie verteidigen wollen.

Beispielfall: Jemand kopiert von meiner Website ein Bild ohne Genehmigung. Mir passt das ganze nicht, aber ich will auch nicht zum Anwalt rennen und Kosten verursachen. Also schicke ich ihm eine Klage über das System. Er akzeptiert, enfernet das Bild oder es kommt zur “Verhandlung”. Der Fall kommt ins System und die Community bzw. Richter entscheiden. Bei der Registrierung hat der Beklagte sozusagen einen Vertrag geschlossen und akzeptiert den Richterspruch (für oder gegen ihn). Natürlich kann das nichts sein a la “5000 € Schadensersatz” sondern eher was in die Richtung “Bild muss entfernt werden”.

Größtes Problem hier: Es ist nur was für Idealisten. Ein Gang zum Anwalt und eine Abmahnung haben eine wesentlich größere Abschreckung als eine Mail (die man auch ohne so ein Portal schreiben kann). Zudem muss man sich als Beklagter auf das System einlassen und dessen Regeln akzeptieren.
Was ist wenn der Beklagte den Richterspruch gegen sich nicht akzeptiert? Dann hilft auch nur der Gang zum Anwalt bzw. vor ein echtes Gericht. Einen Vorteil hätte das Ganze dann aber: durch die Registrierung und den Vertrag hat der Beklagte den Richterspruch verbindlich akzeptiert. Dann gehts nicht mehr um eine (möglicherweise teuere) Urheberrechtsverletzung, sondern um einen einfachen Vertrag.

Klaro, hier und da ist der Gedankengang unausgereift, rechtlich und sozial problematisch und mit viel Aufwand verbunden. Ich bin auch kein Jurist und weiß nicht ob das alles so funktionieren würde, aber die Idee ist auf jeden Fall interessant. Die Jursiten sind vom Web 2.0 immer irgendwie “verschont” geblieben. Trotzdem gebe ich einem ernshaften Projekt nur wenig Chancen aufgrund der genannten Probleme. Da müsste man schon lange grübeln um auf sinnvolle Lösungen zu kommen. Insgesamt also eine nette Idee mit Potenzial, aber auch mit viel Aufwand und Brainstormingbedarf verbunden.

Bei AllRise sieht das ganze so aus:

| | | Feed | Kommentare
 28. Mai 2008

Ein Kommentar zu “Juristerei und Web 2.0 – Gerichtssaal im Netz”

  1. [...] Blogeinträge bekam zu Unrecht zu wenig Aufmerksamkeit? Schwierige Frage. Vielleicht “Juristerei und Web 2.0 – Gerichtssaal im Netz“. Ich kann mich gut erinnern, dass der Beitrag nicht viele Besucher hatte, obwohl ich die [...]

Deine Meinung zu “Juristerei und Web 2.0 – Gerichtssaal im Netz”